Präsidiumsarbeitskreis
"Datenschutz und IT-Sicherheit"
der Gesellschaft für Informatik e.V. (GI)
Februar 1997
Anmerkungen zum Problem der
Kryptoregulierung
- Kryptographie war über Jahrhunderte hinweg eine
ausschließliche, streng abgeschirmte und wohlgehütete
Domäne ganz bestimmter Gruppen, fast durchweg aus den
(ohnehin in sich sehr geschlossenen) Bereichen Politik
und Verteidigung (Militär).
- Der Bedeutung des Werkzeugs Kryptographie in diesen
Bereichen angemessen, unterlag - und unterliegt in vielen
Staaten noch immer - Kryptographie und alles, was an
Forschung und Erfahrung mit ihr zusammenhängt, der
strengen, ja strengsten Geheimhaltung. Preisgabe von
wissenschaftlichen Erkenntnissen, Erfahrungen aus der
Praxis oder irgendwelchen anderen Einsichten, aus denen
Schlüsse über den Zustand oder die Nutzung
kryptographischer Verfahren in einem bestimmten Land oder
einer bestimmten Institution gezogen werden können,
wurden und werden als Landesverrat eingestuft und
dementsprechend verfolgt.
- Eine öffentliche Diskussion über Verfahren, Einsatz,
Bedrohungen oder andere, mit der Nutzung der
Kryptographie zusammenhängende Probleme, war deshalb bis
in die 70er Jahre völlig ausgeschlossen. Sie war und ist
auch weiterhin immer wieder von Verboten bedroht. Die
intensiven Bemühungen verschiedener Länder, durch eine
sogenannte "Kryptoregulierung"" eine durch
Rechtsverordnungen (Gesetze) vorgeschriebene
Beschränkung kryptographischer Verfahren zu erzwingen,
ist eine konsequente Fortführung der eingefahrenen
Gedankengänge.
- Auf einem völlig anderen Blatt steht, daß solche Art
von Konsequenz unter VÖLLIG neuen Erkenntnissen der
Kryptologie und unter völlig veränderten
Einsatzbedingungen kryptographischer Verfahren
anachronistisch und mit größter Wahrscheinlichkeit für
die Struktur einer sich als demokratisch verstehenden
Gesellschaft in hohem Maße bedrohlich ist. Denn die
Entwicklung der Informationstechnik in den letzten 10 bis
20 Jahren - ein längerer Zeitraum ist es tatsächlich
nicht -, in deren Folge heute jedermann (zumindest in den
industriell entwickelten Ländern) in ständig wachsendem
Masse aktiv an automatisierter Informationsverarbeitung
und Kommunikation teilnimmt, hat der Kryptographie eine
völlig neue Rolle zugewiesen.
- War sie bisher über Jahrhunderte hinweg bestgehütetes
Werkzeug einiger weniger, so ist sie jetzt, im Zeitalter
weltweiter Kommunikation über Rechnernetze, das
(bislang) wichtigste Hilfsmittel, mit dem jedermann
sicherstellen kann:
- daß das, was er anderen mitzuteilen hat, nur von den von
ihm bestimmten Partnern zur Kenntnis genommen werden kann
und nicht von anderen, insbesondere nicht von unbefugten
Dritten (Vertraulichkeit);
- daß das, was er anderen mitzuteilen hat oder von anderen
empfängt, nicht unberechtigt und unbemerkt von Dritten
verfälscht werden kann (Integrität);
- daß er sicher sein kann, daß Absender und Empfänger
einer Nachricht auch tatsächlich diejenigen sind, die
sie zu sein vorgeben (Authentizität).
- Damit wird Kryptographie zu DEM Werkzeug, mit dessen
Hilfe der einzelne in die Lage versetzt wird, sein
Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung auch in
einer von Computern und Netzen geprägten Kommunikation
wirksam wahrzunehmen.
- Nur dieses Werkzeug gibt ihm die Sicherheit, daß alle
Vorgänge des Alltags und des Berufslebens, die er mit
Hilfe der Telekommunikation abwickelt, vom einfachen
Einkauf angefangen bis hin zum komplexen
Dokumentenaustausch in Geschäftsvorgängen aller Art,
daß diese Vorgänge auch über Netze mit der gleichen
Verläßlichkeit und Beherrschbarkeit ablaufen, die er in
allen Formen klassischer Kommunikation und Kooperation
seit alters her gewohnt war.
- Diese Zusammenhänge einer breiteren Öffentlichkeit, ja
auch nur einem Kreis von Nichtfachleuten klar zu machen,
stößt auf ganz erhebliche Schwierigkeiten:
- Die Zusammenhänge und die grundsätzliche Bedeutung der
Kryptographie für künftige alltägliche Abläufe werden
bislang nur von ganz Wenigen eingesehen, die sich
intensiv mit dem Wandel der Kommunikation befaßt haben.
- Wie kryptographische Verfahren sich auf Verläßlichkeit
und Beherrschbarkeit von Telekommunikation und
Telekooperation auswirken, wie damit künftig
Verhaltensweisen der Benutzer und folglich die Struktur
unserer Gesellschaft beeinflußt und verändert werden,
können in aller Regel nur die abschätzen, welche die
Funktionsweise und Wirkung von Kryptosystemen hinreichend
genau durchschauen.
- Die Funktionsweise kryptographischer Verfahren und damit
die Bedeutung von Schlüsseln und Schlüsselverwaltung
einem breiteren Personenkreis, insbesondere
Nicht-Mathematikern wirklich einsichtig zumachen, stößt
aber auf fast unüberwindliche Schwierigkeiten. Das liegt
nicht an denen, die mehr über Kryptographie erfahren
möchten. Es liegt in der Sache selbst, in der dem
normalen Bürger - auch dem Absolventen eines Gymnasiums
- fremden und nur schwer zugänglichen Art der
Mathematik, auf der moderne kryptographische Verfahren
aufbauen.
- Es wird sehr schwer fallen, nach nur wenig mehr als zehn
Jahren einer ganz anderen, völlig neuartigen Entwicklung
in der Telekommunikation, die in Jahrhunderten in manchen
Institutionen gewachsenen Vorbehalte gegen eine freie
Diskussion kryptologischer Fragen und eine freie Nutzung
der Verfahren abzubauen.
Ein letzter Hinweis, dessen Gewicht jedoch kaum abschätzbar
ist:
- Wissen oder Nichtwissen in der Kryptologie ist ein
entscheidender Faktor für alle Formen der Ausforschung
bis hin zur Spionage. Dies gilt nicht nur für die
klassischen Krypto-Gebiete Politik und Verteidigung,
sondern auch für alle anderen Lebensbereiche,
insbesondere für die gesamte Wirtschaft in dem Maße, in
dem sie zunehmend auf Telekommunikation und
Telekooperation angewiesen sind. Verläßlichkeit und
Beherrschbarkeit der vertraulichen Kommunikation werden
damit lebenswichtig für die gesamte Gesellschaft. Dies
offen und öffentlich zur Sprache zu bringen, ist aber -
wegen des vorherrschenden Zusammenhangs mit den
Interessen des Staatsschutzes und der Verteidigung -
weiterhin ein Politikum ersten Ranges, möglicherweise
aber ein für den Fortgang der Diskussion um eine
Kryptoregulierung entscheidendes.
Bonn, im Januar 1997
Rüdiger Dierstein
Sprecher des GI-Präsidiumsarbeitskreises "Datenschutz und
IT-Sicherheit"