Verläßliche IT-Systeme 1995 (VIS '95)

Tagung der GI-Fachgruppe 2.5.3
"Verläßliche IT-Systeme"
5.-7. April 1995, Universität Rostock

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Veranstaltungsbericht

Dirk Fox, Universität Siegen


Vom 5.-7. April 1995 fand an der Universität Rostock die Tagung "Verläßliche IT-Systeme '95" statt, die von der gleichnamigen Fachgruppe 2.5.3 der Gesellschaft für Informatik (GI) im zweijährigen Rhythmus durchgeführt wird. Die dreitägige Veranstaltung gab einen Überblick über den Stand der Forschung in dem weiten Gebiet der IT-Sicherheit. Es wurden grundsätzliche und spezielle Fragen der Geheimhaltung und Anonymität von Datenbanken beleuchtet, Verfahren für die Verhinderung der Peilbarkeit von Mobilstationen im GSM skizziert und neue ElGamal-artige Signatursysteme vorgestellt. Weiter wurden Gestaltungsmöglichkeiten für PDAs mit Sicherheitsmodulen und Fragen eines sicheren Netzmanagements diskutiert sowie Anforderungen an die Gestaltung von Zertifikatsketten, die Zuverlässigkeit von Telekommunikations- und Zugleitsysteme sowie die formale Verifikation im Hardwareentwurf formuliert. Interessant waren die Vorstellung eines Verfahrens zur modifikations- und kompressionsresistenten Kodierung von Eigentümerhinweisen in digitalen Bildern und von Prototypen, die Sicherheitsmechanismen in existierende Konferenzsysteme und lokale Netzwerke integrieren.

Höhepunkt der Tagung war ein von Professor Pohl moderiertes Diskussionsforum über die staatliche Regulierung des Einsatzes von Verschlüsselungsverfahren - einer Frage, zu der in den USA mit der Ankündigung eines Escrowed Encryption Standards (EES) zur treuhänderischen Hinterlegung von kryptographischen Schlüsseln Anfang 1993 heftige Diskussionen ausgelöst wurden. Herr Dr. Rueppel vermittelte mit seinem einleitenden Vortrag über die technischen Verfahren und rechtlichen Hintergründe dieses sogenannten "Krypto-Konflikts" die Grundlagen für die anschließende Podiumsdiskussion, in der das Bundesministerium des Inneren (Herr Bieser), die Hersteller von Krypto-Hardware (Herr Kurth), die Informatik (Prof. Pfitzmann) und die Technikgestaltung (Prof. Roßnagel) vertreten waren. Unvermeidlich, daß dabei die Interessen staatlicher Ermittlungsbehörden und die freiheitsbewußter Bürger frontal aufeinandertrafen. Zwar konnte sehr schnell allgemeine Einigkeit darüber erzielt werden, daß eine geeignete rechtliche Anerkennung von digitalen Signaturen durch Gesetzgebung und Rechtsprechung angesichts der technischen Entwicklung und der zunehmenden Verbreitung von Telekommunikationssystemen in Deutschland überfällig ist. Herr Bieser (BMI) deutete an, daß im Innen- und Justizministerium bereits an Gesetzesvorlagen gearbeitet werde. Weit auseinander klaffte allerdings die Einschätzung der Frage, ob durch die (gesetzlich erzwungene) Hinterlegung von Schlüsseln Staatsschutz und Ermittlungsbehörden der Zugriff auf verschlüsselt kommunizierte Daten der Bürger ermöglicht werden soll. Hielten die Vertreter der Staatsinteressen die Gefahren der Organisierten Kriminalität hoch, die sich zunehmend neuer Kommunikationsmedien bediene, setzten die Freiheitsvertreter dagegen, daß ein Verbot der Nutzung starker kryptographischer Verfahren ohne Schlüsselhinterlegung nicht kontrollier- und damit auch nicht durchsetzbar sei. Vielmehr verhindere staatliche Reglementierung die Marktdurchsetzung billiger und starker Krypto- Produkte und fördere damit die seit Jahren bedrohlich zunehmende Computerkriminalität und Wirtschaftsspionage.

Mit Spannung darf die Fortsetzung dieser Diskussion erwartet werden. Am 27. und 28. September 1995 wurden damit zusammenhängende rechtliche und technische Fragen auf einem von der Fachgruppe "Verläßliche IT-Systeme" zusammen mit TeleTrusT Deutschland e.V. an der Universität Siegen durchgeführten Workshop "Trust Center 95" vertieft und am 18. und 19. September 1996 auf der Arbeitstagung "Digitale Signaturen 96" in Darmstadt fortgesetzt.


Programm

[(K) - Kurzvortrag: 15+5 min]


1. Tag (Mittwoch, 05.04.1995)

ab 8.30 Registrierung

Eröffnung (H. H. Brüggemann)

10.00 - 10.15 Begrüßung, Tagungseröffnung

10.15 - 11.00 Eingeladener Vortrag von A. Heuser (Bundesamt für
              die Sicherheit in der Informationsverarbeitung,
              Bonn): Kryptographie im staatlichen Geheimschutz

11.00 - 11.30 Kaffeepause

Informationssysteme (H. H. Brüggemann)

11.30 - 12.30 Adrian Spalka (Universität Bonn): Einige
              grundlegende Betrachtungen über Geheimhaltung in
              Datenbanken

              Lutz Kotter (Universität Hildesheim): Datenreduzierende
              Sichten und ihre Bewertungskriterien  bei  polyinstan-
              tiierten Datenbanken

12.30 - 14.15 Mittagspause

Zugriffsschutz (W. Gerhardt-Häckl)

14.15 - 15.15 Ralph Jacobs (Universität Hildesheim):
              Systemverwaltung und Irrelevanzstrategien f¸r die
              Sicherheitsstrategie der chinesischen Mauer

              Gabriela Gahse (IBM Heidelberg): Zugriffskontrolle in
              Konferenzsystemen

15.15 - 15.45 Kaffeepause

Verteilte Systeme (P. Horster)

15.45 - 16.35 Dirk Fox, Torsten Henn, Klaus Reichel, Christoph
              Ruland (Universität - GH Siegen): Guarded Authentic
              Local Area Network - Project GALAN

              Jürgen Thees, Hannes Federrath (TU Dresden): Methoden
              zum Schutz von Verkehrsdaten in Funknetzen (K)

16.35 - 17.00 Kaffeepause

ab 17.00 Sitzung der GI-Fachgruppe 2.5.3

2. Tag (Donnerstag, 06.04.1995)

Datenschutz im Gesundheitsbereich (P. Horster)

09.00 - 09.45 Eingeladener Vortrag von K. Pommerening (Universität
              Mainz): Datenschutz in Krankenhausinformationssytemen

09.45 - 10.05 W. Thoben, H.-J. Appelrath (OFFIS, Oldenburg):
              Verschlüsselung personenbezogener und Abgleich
              anonymisierter Daten durch Kontrollnummern (K)

10.05 - 10.30 Kaffeepause

Formale Techniken (Kryptographie und Verifikation) (D. Fox)

10.30 - 11.30 Patrick Horster, Markus Michels, Holger Petersen
              (TU Chemnitz-Zwickau): Das Meta-ElGamal Signatur-
              verfahren und seine Anwendungen

              Wolfgang A. Halang, Bernd Krämer, Norbert Völker (FU
              Hagen): Formale Verifikation der Grundelemente in
              Funktionsplänen von Notabschaltsystemen

11.30 - 12.00 Kaffeepause

Mechanismen f¸r den Urhebernachweis (D. Fox)

12.00 - 12.50 Germano Caronni (ETH Zürich):
              Assuring Ownership Rights for Digital Images

              Volker Hammer (Provet, Darmstadt): Digitale Signaturen
              mit integrierter Zertifikatskette - Gewinne für den
              Urheberschafts- und Autorisierungsnachweis (K)

12.50 - 14.20 Mittagspause

14.20 Preisverleihung für das beste Studierenden-Papier

Anwendungen aus der Praxis (S. Herda)

14.30 - 15.50 Christof Schramm (Bayerischer Sparkassen-
              und Giroverband): Einsatz zertifizierter Software
              auf Mainframes - Praktische Erfahrungen aus der
              Prüfung von Rechenzentren

              Jens Braband (Siemens AG): Euroradio: Verläßliche
              Übertragung sicherheitsrelevanter Zugbeeinflussungsdaten
              über offene Netzwerke (K)

              Rüdiger Grimm, Thomas Hetschold (GMD, Darmstadt): Zugriffsschutz
              für OSI-Management, Erfahrungen aus dem DeTeBerkom-
              Projekt BMSec

15.50 - 16.20 Kaffeepause

Kryptoregulierung (H. Pohl)

16.20 - 17.05 Eingeladener Vortrag von R. Rueppel (R3 Security
              Engineering AG, Aathal): Der Kryptokonflikt - Versuch
              einer Standortbestimmung

17.05 - 17.30 Kaffeepause

Diskussionsforum (Moderation: H. Pohl)

17.30 - 19.00 Einsatz von Verschlüsselungsverfahren -
              Anforderungen, Nutzen, staatliche Reglementierungen

3. Tag (Freitag, 07.04.1995)

Hochzuverlässiger Systeme (A. Pfitzmann)

09.00 - 09.40 Eingeladener Vortrag von M. Reitenspieß
              (SNI, München): Bereitstellung hochzuverlässiger  Systeme
              im Telekommunikationsbereich

09.45 - 10.15 Kaffeepause

Mobilität und Intrusion Detection (A. Pfitzmann)

10.15 - 11.15 Andreas Pfitzmann (TU Dresden), Birgit
              Pfitzmann, Matthias Schunter (Universität Hildesheim),
              Michael Waidner  (IBM Zürich):  Vertrauenswürdiger
              Entwurf portabler Benutzerendgeräte und Sicherheitsmodule

              Michael Sobirey (TU Cottbus): Aktuelle Anforderungen an
              Intrusion Detection-Systeme und deren Berücksichtigung
              bei der Systemgestaltung von AID2

11.15 - 11.45 Kaffeepause

Sicherheitskriterien (A. Pfitzmann)

11.45 - 12.30 Eingeladener Vortrag von K. Rannenberg
              (Universität Freiburg): Evaluationskriterien zur
              IT-Sicherheit - Entwicklungen und Perspektiven in
              der Normung und außerhalb

12.30 - 13.00 Weitere Arbeit der Fachgruppe

Schlußwort

Programmkomitee

H.-J. Appelrath, Universität Oldenburg
J. Biskup, Universität Hildesheim
H.H. Brüggemann, Universität Hildesheim (Vorsitz)
R. Dierstein, DLR Oberpfaffenhofen
K. Dittrich, Universität Zürich
M. Domke, GMD St. Augustin
D. Fox, Universität-GH Siegen
M. Hegenbarth, DeTeMobil Bonn
S. Herda, GMD Darmstadt
P. Horster, TU Chemnitz-Zwickau
F.J. Kauffels, Euskirchen
H. Kurth, IABG Ottobrunn
V. Lange, BSI Bonn
A. Lubinski, Universität Rostock
A. Pfitzmann, TU Dresden
H. Pohl, ISIS Essen
E. Raubold, TELEKOM FTZ Darmstadt
M. Reitenspieş, SNI München
I. Schaumüller-Bichl, GENESiS Hagenberg
H.-G. Stiegler, SNI München
K. Vogel, BSI Bonn
G. Weck, INFODAS Köln

Organisationskomitee

W. Gerhardt-Häckl, TU Delft (Vorsitz)
A. Lubinski, Universität Rostock
A. Heuer, Universität Rostock

Tagungsband

Die Beiträge der Tagung wurden in einem Tagungsband veröffentlicht, der im Buchhandel erhältlich ist:

Hans H. Brüggemann, Waltraud Gerhardt-Häckl (Hrsg.): Verläßliche IT-Systeme.
Proceedings der GI-Fachtagung VIS '95, DuD-Fachbeiträge, Vieweg, Braunschweig/Wiesbaden 1995
ISBN 3-528-05483-2

© Alexander W. Röhm, Dirk Fox